Schriftstücke (German)

 

jade

Das Kind hatte alles geplant. Das Ruderboot versteckt im Schilf. Der Proviant, der Kompass, Malsachen und eine Taschenlampe. Sie musste nicht rudern. Das ablaufende Wasser zog das Boot auf das Meer hinaus. Sie trieb an Fahrbahnmarkierungen und Bojen vorbei. Die Lichter der Hafenanlage blieben hinter ihr zurück. Ihre Hände und Füße waren mit Schlick verschmiert. Das lange Haar wehte ihr ins Gesicht. Der Wind war sacht, die Strömung stark, das Wasser dunkel und still. Sie wusste, das war furchterregend, aber Reisen mussten so sein. Sie erwartete nicht, dass sofort etwas passierte. Daraus würde bestimmt etwas werden. Jetzt war nicht die Zeit um nachzudenken. Jetzt ging es vorwärts, nicht zurück.
Sie war frei.

Da waren mehrere. Ein Feuerdrache. Ein Wasserdrache. Vielleicht weltreise5auch ein paar Echsen. Man sah, dass sie hungrig waren. Das Kind warf Äpfel über Bord. Die Drachen schnappten nach den Äpfeln. Sie spieen Feuer und Wasser. Das kleine Boot schaukelte im Wind. Wenn sie jetzt nicht malte, dann würde sie alles vergessen. Das war ein schlechter Ort, um zu malen. Es gab keinen besseren Ort.

Das war schwer zu sagen, wo es hier weiterging. Der Nebel war dicht und das Wasser in alle Richtungen offen. Und alle Richtungen sahen gleich aus. Und wenn man ruderte, seeschwalbedann schien es nicht, als kam man vom Fleck. Das Kind gab einen Moment lang auf, aber dann begann sie wieder zu rudern. Sie ruderte in die Richtung, in der es heller war. Sie dachte, das ist, was man macht, wenn man ein Ziel hat. Das ist, was man macht, wenn man lebt. Man rudert. Man lässt sich nicht einfach nur treiben.


berlin2Das kommt auf die Wolken an, dachte Jule, wenn der Himmel grau ist, dann ist das Meer auch grau, und da das hier etwa fünfzig Prozent Himmel war und etwa vierzig Prozent Meer oder Niedrigwasser oder Ebbe oder Watt, da blieb nicht viel, was nicht grau war. Allerdings ist das Meer auch im Regen nicht ganz genau grau, nicht wie der Straßenasphalt und der Beton in Berlin immer grau sind, selbst im Sommer, dachte Jule, auch wenn das da im Sommer natürlich gleich ganz anders aussah, in Berlin, mit den grünen Bäumen und dem Unkraut in den Mauerritzen, das machte schon was aus.


screen-shot-2016-10-11-at-9-59-36-amDas hatte etwas Ruhiges und etwas Klares. Wie wenn man alleine in der Wüste ist, dachte sie. Zwar war sie noch nie alleine in der Wüste gewesen, aber sie wusste, aus einem Grund, der völlig unklar war, wie
das war in der Wüste. Wie das sehr still war in der Wüste, Insekten mehr als Vögel, aber von beiden nicht viel. Eidechsen, die sich in den harten, trockenen Blättern der Palmen versteckten und die ein Rascheln verriet. Wenn ein Wind aufkam, dann zischte es mehr als es rauschte. Der blaue Himmel, wolkenlos. Die Nächte kalt. Das kenne ich, dachte sie, da war ich schon, ich habe da übernachtet, weil ich wissen wollte, wie das ist.


Selim betrachtete die Küche, in der ein Klavier und ein paar Kisten mit Lebensmitteln standen. Auf der Ablage bei der Spüle lagen mehrere Messer und screen-shot-2015-02-02-at-7-44-01-pmeine Schusswaffe. Das Klavier stimmte Selim zuversichtlich, die Schusswaffe nicht so sehr. Alle paar Minuten donnerte ein Flieger über das Dach und landete auf dem Flugfeld vor den Fenstern. „Wo sind deine Eltern?“, fragte Selim.

„Was geht dich das an?“, fragte Lilian.

„Ich suche meinen Vater.“

„Es ist besser, wenn mein Vater dich hier nicht erwischt.“

Selim widersprach nicht. Er überlegte, ob ein Rückzug angemessen war. „Ich brauche nur eine Information“, sagte Selim, „Wenn dein Vater nicht hier ist, dann lass mich bitte auf ihn warten. Wir brauchen auch nicht zu reden.“

Lilian hielt noch immer das Messer. „Es macht mir nichts aus, wenn Leute reden. Ich finde das unterhaltsam.“

„Darf ich reinkommen?“

„Es ist komisch, dass du fragst.“


In den nächsten Tagen kam das Thema Peter Geerts nicht wieder auf. Es schien fast so, als seien sie nie auf einer Yacht motorlos über den Wannsee getrieben und hätten zugehört wie Lilians Vater „15 Mann auf des toten Manns Kiste“ anstimmte, während sie ein paar Stunden lang auf das Technikteam warteten und nur eine Diet Coke, warmes Bier und billigen Schnaps zu screen-shot-2015-02-02-at-7-47-26-pmtrinken hatten. Jule dachte, die Zwillinge schwiegen auf Höflichkeit. Vielleicht hatten sie auch kein Interesse an einem weiteren Besuch. Sie zogen sich in den Mauerpark zurück und spielten mit ihrem Helikopter. Sie statteten den Helikopter mit der Digitalkamera aus oder versuchten das zumindest. „Das ist ein Risiko“, erklärte Harm, „Aber in unserem Alter darf man nicht zu sehr auf Sicherheit setzen. Wir leben in einer gefährlichen Zeit: Erderwärmung. Wirtschaftskrisen. Kriege.“

„Was hat das mit eurem Helikopter zu tun?“, wollte Jule wissen.

„Verstehst du nicht?“, sagte Harm, „Du schaust dich um und siehst einen Baum oder eine dunkle Gestalt. Das ist nicht genug. Du musst die großen Zusammenhänge sehen. Das geht um Perspektive.“


screen-shot-2016-10-08-at-8-21-14-pmSie schaute in die Baumkrone. Die Zweige bewegten sich und schienen nach etwas zu greifen.

„Stellt euch vor, was dieser Baum alles erlebt hat“, sagte Lilian, „Häuser wurden gebaut und abgerissen. Kriege wurden gewonnen oder verloren. Trockene Sommer. Überschwemmungen. Menschen auf Feuerholzsuche. In seinen Ästen kann alles leben.“

Sie schaute sich fragend um. Dann deutete sie auf eine Lücke in der Mauer. „Da ist ein Auto. Wir müssen hier raus.“


Ihr Lager war am Flussufer im Baustellensand, und Jule, die müde war, schlief schnell ein. Sie folgte dem Gespräch nicht, das sich über ihrem Kopf formte, sondern hörte nur auf die Geräusche, die die Geräusche der Stadt waren und die für Jule, jedenfalls hier und jedenfalls jetzt, auch die Geräusche der Freiheit waren. Das Rattern screen-shot-2016-10-09-at-4-46-29-pmder S-Bahn in regelmäßigen Abständen, Motorengeräusche in verschiedenen Tonlagen, Vogelstimmen von unsichtbaren Spatzen. Das war dunkel, es wurde hell. Ich bin jung, dachte Jule, und sie dachte, dass diese Jugend, die immer ein Problem gewesen war, vielleicht eine andere Seite hatte. Ich bin jung, dachte sie, wenn man jung ist, dann lugt die Freiheit noch überall, hinter den Büschen, die ersten Sonnenstrahlen, das erste Mal, das zweite Mal. Das war einfach da, das war, wie Lilian sagte, so viel, umsonst, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich das verlor, solange man es gut genug festhielt.


Selim reichte Umi das Telefon, und man sah, dass Harm das enttäuschte. „Ist da wirklich nichts? Da muss doch was sein.“

screen-shot-2016-10-12-at-9-15-44-am„Da ist nicht immer was“, sagte Selim, „Das ist enttäuschend, wenn man aufwächst, aber meistens ist da nichts.“

Jule wirkte erleichtert und nicht mehr ganz so blass. Sie erwartet immer das Schlimmste, dachte Selim, sie ist wie ich. Allerdings war er selbst eher frustriert. Die Polizei ist sowas von nutzlos, dachte er, allerdings zogen sie jetzt ein Formblatt hervor und begannen mit einer Personenbeschreibung. Louis machte zum fünften Mal Tee. Lilian mobilisierte das Dorf für eine weitere Suchaktion. Jule holte Selims alten Computer, den sie in ihrem Rucksack aus Neukölln mitgebracht hatte und auf dem noch Windows 95 lief. Sie zeigte Selim das letzte Kapitel vom Manuskript für die Jugend, das Maja auf dem antiken Gerät geschrieben hatte und das, zusammen mit den Schulaufgaben, die sie für Jule zusammenstellte, einen Großteil der 2 GB Festplatte belegte. Selim dachte, dass man das bewundern musste, wie Umis Enkelin so stur ihrem eigenen Weg folgte. Aus der wird noch was, dachte er, vorausgesetzt, natürlich, dass sie noch lebt.


Das war natürlich nicht überraschend, dass Selim nicht über Neukölln reden wollte. Er hatte noch nie mit Jule über Neukölln reden wollen. „Du weißt nicht, wie das zusammenhängt“, sagte Jule, „Das mit dem Feuer. Mutter hat gesagt, sie werden heiraten. Sie hat gesagt, Georg wird mich schon zurechtbiegen. Er hat früher einmal Hunde dressiert. Sie hat gesagt, dass ich dann aus deinem Zimmer raus muss und die Luftschiffe darf ich auch nicht behalten.“

„Das ist kein Grund, ein Feuer zu legen“, sagte Selim.

„Nein“, sagte Louis, „aber abhauen, wie unser Freund, das ist okay.“

Selim schaute Louis an, dann Jule. „Das habe ich nicht gesagt.“ Das war an Louis gewandt. „Verdammt noch mal, das bringt doch nichts, können wir vielleicht das Thema wechseln?“

Jule folgte Selim und Louis auf das Dach vom Schuppen. Sie schaute den Ameisen zu, die zwischen dem Moos und dem Schutt ihre Ameisenstädte bauten. Sie dachte, wie es ihr hier kugelbarkeoben immer gefallen hatte. Wie das Herbstlicht die Flechten wärmte und die Schafe und die Vögel einander mit ihrer Musik ablösten. „Als wir Ameisen hatten“, sagte Jule, „Da hat sie fünf verschiedene Sprays gekauft. Das war, wie die drauf waren.“

„Ich weiß“, sagte Selim und zog an der Schnur mit dem Borer.

„Aber du willst es nicht wissen“, beharrte Jule, als der Borer nicht ansprang, weil Selim das Kabel aus der Steckdose gezogen hatte, „Es ist dir lieber, wenn dich das nichts angeht.“

„Natürlich“, sagte Selim, „Ich stecke immer meinen Kopf in den Sand.“

„Jule, schau nach dem Borer“, sagte Louis.

Jule schaute zu ihm auf. „Ich dachte, ihr braucht meine Hilfe nicht, weil ich nur im Weg bin und vom Dach falle.“ Sie betrachtete die Ameisen, die sich nicht von Walnüssen oder Steinen oder Jule ablenken ließen. „Die Ameisen“, sagte Jule, „Die sind sehr eifrig. Ich weiß, es hilft nicht nachdenken.“

„Ich denke, also bin ich.“ Louis schob sich selbst durch die Dachluke, die noch immer eine Sternwarte versprach, „Du machst das schon richtig.“ Er grinste Jule zu, dann den Ameisen. „Soldaten, Jule, die Armee marschiert.“


„Wanderer sind aus Staub geboren“, erklärte Lilian, als Finn sie fragend anschaute. Sie sagte das unbetont, als ob sie aus einem
Lexikon vorlas. Ihre Augen folgten den Funken, die das Feuer in screen-shot-2016-11-29-at-10-08-50-am
die Nacht trieb. „Auf Dachböden. In Kellern. Unter schweren
Möbeln. Sie sehnen sich nach Feuchtigkeit, obwohl das für sie den
Tod bedeutet. Deshalb sind so viele von ihnen hier. Sie meiden das Tageslicht, aber bei Flut sind sie nachts am Wasser.“

„Und wenn du zu viele von ihnen unter dem Bett hast, dann kannst du nachts nicht schlafen“, fügte Finn ernsthaft hinzu.

„Ach“, sagte Jule, die selten gut schlief, „Ich glaube, unter meinem Bett ist einiges los und die gehen auch nachts nicht ans Wasser.“

„Sie sind unruhig, wenn sie aufbrechen und zurückkommen.“

„Und manche sind verrückt“, sagte Harm, „Die setzen sich auf deine Schulter und dann musst du ihnen folgen.“

„Wohin folgen?“

„Überall hin“, erklärte Lilian, plötzlich aufmerksam. „Die sind verrückt und haben kein Ziel. Moore. Berge. Sümpfe. Städte. Du verlierst die Kontrolle. Du bist wie ein Blatt in Wind. Wie ein Brocken Fels im All. Du merkst, wie klein du bist. Du glaubst das nicht. Du legst dir was zurecht. Aber das macht keinen Unterschied. Du begreifst, nichts macht einen Unterschied und nichts wird je einen Unterschied machen. Diese Gedanken sind immer da. Die lassen nicht los. Du trägst und du wirst von ihnen getragen.“


„Ein Feuer“, widerholte Finn, „Ein Leuchtfeuer hat eine Funktion und das hat symbolischen Wert. Außerdem ist es kalt hier, und screen-shot-2016-11-29-at-9-16-00-amwenn wir nicht deutlicher werden, wenn wir mit Worten spielen,
ohne klar ein Zeichen zu setzen, dann weiß ich nicht, ob das was wird, ob wir hier eine Brücke bauen, ob wir zur Welt eine Brücke bauen. Du weißt, dass unsere Ideen kaum eine Mehrheit haben. Hast du dich mal gefragt, warum das so ist? Das sind nicht die Ideen, die Ideen sind in Ordnung, das Problem ist die Vermittlung. Hier geht es um Wärme und um Kommunikation.“