Das Leuchtfeuer

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„Ein Feuer“, widerholte Finn, „Ein Leuchtfeuer hat eine Funktion und das hat symbolischen Wert. Außerdem ist es kalt hier, und wenn wir nicht deutlicher werden, wenn wir mit Worten spielen, ohne klar ein Zeichen zu setzen, dann weiß ich nicht, ob das was wird, ob wir hier eine Brücke bauen, ob wir zur Welt eine Brücke bauen. Du weißt, dass unsere Ideen kaum eine Mehrheit haben. Hast du dich mal gefragt, warum das ist? Das sind nicht die Ideen, die Ideen sind in Ordnung, das Problem ist die Vermittlung. Hier geht es um Wärme und um Kommunikation.“

Die Wüste

screen-shot-2016-10-11-at-10-04-37-amDas hatte etwas Ruhiges und etwas Klares. Wie wenn man alleine in der Wüste ist, dachte sie. Zwar war sie noch nie alleine in der Wüste gewesen, aber sie wusste, aus einem Grund, der völlig unklar war, wie das war in der Wüste. Wie das sehr still war in der Wüste, Insekten mehr als Vögel, aber von beiden nicht viel. Eidechsen, die sich in den harten, trockenen Blättern der Palmen versteckten und die ein Rascheln verriet. Wenn ein Wind aufkam, dann zischte es mehr als es rauschte. Der blaue Himmel, wolkenlos. Die Nächte kalt. Das kenne ich, dachte sie, da war ich schon, ich habe da übernachtet, weil ich wissen wollte, wie das ist.

Freiheit

berlin-skyIhr Lager war am Flussufer im Baustellensand, und Jule, die müde war, schlief schnell ein. Sie folgte dem Gespräch nicht, das sich über ihrem Kopf formte, sondern hörte nur auf die Geräusche, die die Geräusche der Stadt waren und die für Jule, jedenfalls hier und jedenfalls jetzt, auch die Geräusche der Freiheit waren. Das Rattern der S-Bahn in regelmäßigen Abständen, Motorengeräusche in verschiedenen Tonlagen, Vogelstimmen von unsichtbaren Spatzen. Das war dunkel, es wurde hell. Ich bin jung, dachte Jule, und sie dachte, dass diese Jugend, die immer ein Problem gewesen war, vielleicht eine andere Seite hatte. Ich bin jung, dachte sie, wenn man jung ist, dann lugt die Freiheit noch überall, hinter den Büschen, die ersten Sonnenstrahlen, das erste Mal, das zweite Mal. Das war einfach da, das war, wie Lilian sagte, so viel, umsonst, und sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich das verlor, solange man es gut genug festhielt.

Im Nebel

seeschwalbeDas war schwer zu sagen, wo es hier weiterging. Der Nebel war dicht und das Wasser in alle Richtungen offen. Und alle Richtungen sahen gleich aus. Und wenn man ruderte, dann schien es nicht, als kam man vom Fleck. Das Kind gab einen Moment lang auf, aber dann begann sie wieder zu rudern. Sie ruderte in die Richtung, in der es heller war. Sie dachte, das ist, was man macht, wenn man ein Ziel hat. Das ist, was man macht, wenn man lebt. Man rudert. Man lässt sich nicht einfach nur treiben.

Grautöne

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Das kommt auf die Wolken an, dachte Jule, wenn der Himmel grau ist, dann ist das Meer auch grau, und da das hier etwa fünfzig Prozent Himmel war und etwa vierzig Prozent Meer oder Niedrigwasser oder Ebbe oder Watt, da blieb nicht viel, was nicht grau war. Allerdings ist das Meer auch im Regen nicht ganz genau grau, nicht wie der Straßenasphalt und der Beton in Berlin immer grau sind, selbst im Sommer, dachte Jule, auch wenn das da im Sommer natürlich gleich ganz anders aussah, in Berlin, mit den grünen Bäumen und dem Unkraut in den Mauerritzen, das machte schon was aus.

Der Baum

birdsSie schaute in die Baumkrone. Die Zweige bewegten sich und schienen nach etwas zu greifen.

„Stellt euch vor, was dieser Baum alles erlebt hat“, sagte Lilian, „Häuser wurden gebaut und abgerissen. Kriege wurden gewonnen oder verloren. Trockene Sommer. Überschwemmungen. Menschen auf Feuerholzsuche. In seinen Ästen kann alles leben.“

Sie schaute sich fragend um. Dann deutete sie auf eine Lücke in der Mauer.

„Da ist ein Auto. Wir müssen hier raus.“